Giugno 30, 2021
Da Round Robin
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Ich möchte vorweg sagen, dass ich in einer “Blase” (einem Abteil der hohen Sicherheit) lebe und ich habe erst heute, im April 2021, das Schreiben zu den “Überlegungen zum gegenwĂ€rtigen informellen, aufstĂ€ndischen und internationalistischen anarchistischen Substrat. FĂŒr ein neues anarchistisches Manifest” erhalten, welches der schon weit her im Februar-April 2020 geschrieben worden ist.
Obwohl ich nicht weiß, wie es sich weiter entwickelt hat, möchte ich dennoch meine Meinung dazu Ă€ußern. Ich möchte meinen Beitrag zu dem geben, was meiner Meinung nach die wirkliche und konkrete Essenz dessen ist, was manchmal als “die neue Anarchie”auch manchmal als “die schwarze Internationale” bezeichnet wird.
Ich möchte, dass dieses Schreiben ĂŒber die italinienischen Grenzen hinausgeht so weit wie es möglich ist und deshalb hoffe ich, dass irgendein*e MitkĂ€mpfer*in diese meine Worte in die verschiedensten Sprachen ĂŒbersetzten wird. Meine Absicht ist einfach, ein paar Punkte aufzuklĂ€ren, ich hoffe, ich trete niemandem auf die FĂŒsse, meine Sichtweisen sind nur bisschen andere. Das erste, was mir bei diesem Schreiben aufgefallen ist, ist dass die Informelle Anarchistische Federation – Internationale RevolutionĂ€re Front und die Konspiration der Feuerzellen nie erwĂ€hnt werden. Dieser Mangel ist aus meiner Sicht ziemlich ĂŒberraschend und bezeichnend, weil wir ĂŒber Erfahrungen des bewaffneten Kampfes sprechen, die, mit all ihren EinschrĂ€nkungen, das Erscheinen dieses PhĂ€nomens hinfĂŒhrte. Diese beiden Erlebniswelten haben uns als Erbschaft eine GegenstĂ€ndlichkeit hinterlassen, von der wir vorher nur trĂ€umen konnten, eine GegenstĂ€ndlichkeit die durch eine tatsĂ€chliche “Internationale” erzeugt wird. Eine Internationale, die den Anarchisten und Anarchistinnen ermöglicht hat, durch Aktionen ohne jeglicher Art von  Organisationen und Koordination zu kommunizieren. Eine Kraft, die sich erkenntlich gemacht hat, indem sie sich in der Welt durch Akronyme prĂ€sentiert hat. Akronyme, hinter denen sich nichts anderes als Aktionsanarchist*innen steckten, die sich durch Worte, die auf die Taten folgten, aufeinander bezogen haben. MitkĂ€mpfer und MitkĂ€mpferinnen, die in diesem spezifischen Bereich nur ein bestimmtes Ziel hatten: die konkrete, materielle Zerstörung des Bestehenden und nicht die Anerkennung oder Selbstdarstellung in einer Versammlung. In eurem Schreiben (welcher wenn ich es gut verstanden habe, hĂ€tte auch neben den vielen Zwecken auch den milderen die “Umgereimtheiten” zwischen den sogenannten “sozialen” und “antisozialen” KĂ€mpfen zu vermindern) wird die wahre Essenz dieser “neuen” Anarchie auf den Spuren des klassischen Insurrektionismus zurĂŒckgebracht. Ich sage das, weil grundlegende Konzepte, die fĂŒr diese “neue” Anarchie wesentlich sind,in euren Worten verzerrt wenn nicht gar umgedreht werden. Es sind Worte die sich so auswirken als ob es einen Versuch gĂ€be, einem PhĂ€nomen eine organische Struktur zu geben, das von Natur aus Ă€therisch, unstrukturiert ist und gerade in dieser Ungreifbarkeit und Unvorhersehbarkeit seine StĂ€rke findet. Es wurden in Europa in den vergangenen Jahren zwischen Anarchistinnen und Anarchisten mehr oder weniger informelle Versuche Ă€hnlich wie eurer unternommen. Es waren Versuche zu mehr oder weniger erfolgreichen internationalen Versammlungen. Versuche die, ĂŒber hinaus die ursprĂŒnglichen Absicheten, zu nichts anderem als zu BĂŒchern, gemeinschaftlichen Dokumenten und verschiedenen Plakaten hinfĂŒhrten, die sich in der Tat fĂŒr die ĂŒblichen GefĂ€hrten und GefĂ€hrtinnen zu dem ĂŒblichen Spektakel verringern. Also muss ich jetzt noch einmal betonen, welche (aus meiner alleinigen Sicht) grundlegende Konzepte, die Basis fĂŒr die neuen informellen Praktiken sind:

*    Die Überwindung des Versammlungs-“Mittels”. Es sprechen nur die Aktionen, nur die Anarchisten und Anarchistinnen, die ihr Leben riskieren, indem sie hart zuschlagen. Kommunikation erfolgt durch Bekenner_innenSchreiben.

*    Ausschluss jeglicher Art von Organisation, auch von Koordinationen. Die Schreiben, die den Aktionen folgen, laden andere Gruppen irgendwie dazu ein, dementsprechend zu handeln. Es ist nicht Notwendig, sich gegenseitig zu kennen, da dies zur Leaderschaft oder Koordinationen fĂŒhren wĂŒrde.

*    Auschluss den reinen Theoretikern, die nichts zu sagen haben. Ich spreche von jenen GefĂ€hrt*innen, die durch ihre “Klarheit” und theoretische FĂ€higkeit es schaffen (obwohl sie es nicht wollen), sich in den Versammlungen durchzusetzen.

Meiner Meinung nach sind all diese die wesentlichen Eigenschaften all jener unzĂ€hligen Aktionen, die in den letzten Jahren auf der ganzen Welt miteinander sprachen, oft springend von einem Kontinent zum anderen und somit zu einer Kampf Kampagnen fĂŒhrten. Es spielt keine Rolle, ob die Aktionen von einem Akronym begleitet werden oder nicht, wichtig ist die Kommunikation, die durch die Bekenner_innenSchreiben stattfindet.*

In eurer Analyse behauptet ihr das Gegenteil von dem, was sich (meiner Meinung nach) klar und mit allen Beweisen aus der konkreten und realen Dynamiken der sogenannten “anarchistischen AufstĂ€ndischen und Internationalisten GegenwĂ€rtigkeit” ergibt. An mehreren Stellen besteht ihr darauf, dass wir uns nicht nur auf die zerstörerische Aktion beschrĂ€nken sollten, weil das nicht ausreichen wĂŒrde, um das ganze System  nieder zu stĂŒrzen. Dann deutet ihr die Gefahr an, dass die EinschrĂ€nkung auf die destruktive Aktion zur Folge hĂ€tte, dass “Gruppen von Aktionsspezialisten” entstehen wĂŒrden, kurzum, das ĂŒbliche Schreckgespenst der Avantgarde. Von Logik zu Logik gelangt man dann zu der ĂŒberraschenden Aussage, dass diese “neue” Anarchie nicht nur auf diejenigen beschrĂ€nkt sein soll, die die Aktionen durchfĂŒhren. Alle respektable AnsĂ€tze, die aber das wahre Wesen dieses PhĂ€nomens verzerren und uns zu dem viel konkreteren und pĂŒnktlicheren Risiko zurĂŒckbringen, Spezialisten der Theorie (nicht der Aktion) zu schaffen, die, indem sie Entscheidungs”Macht” den Versammlungen geben. Sie setzen ihre Strategien durch (obwohl sie es gar nicht wollen) weil sie besser schreiben und sprechen können und vielleicht weil sie charismatische und bekannte GefĂ€hrt* sind. In eurem Schreiben sprecht ihr von “organisatorischer InformalitĂ€t” und “permanenter aufstĂ€ndischer Praxis”. Diese eure Sichtweise scheint mir die “GegenwĂ€rtigkeit” des Aktionsanarchismus nicht vollstĂ€ndig widerzuspiegeln. An diesem Punkt möchte ich kurz den Versuch wagen, die Herkunft dieser neuen Art des VerstĂ€ndnisses des Insurrektionismus zu Ă€ussern, zumindestens soweit was Italien betrifft.
Hier begann alles mit einer Kritik an der Strömung des sozialen Aufstands und seiner Versammlungsdynamik. Es waren bei den Versammlungen, immer die ĂŒblichen,  die sprachen. Weil sie mehr Erfahrung hatten, weil sie klarere Vorstellungen hatten. Schade, dass die Ideen, die das Produkt einiger weniger Erleuchteter waren, stagnierten.
Die Worte derjenigen, die besser sprachen, die besser schreiben konnten und vielleicht mehr Charisma hatten, wogen mehr als die von anderen, die halt schwiegen und sich einschĂŒchtern ließen. Die Mehrheit ging mit, manchmal versuchte jemand ein zu springen, aber ihre Worte hatten ein flĂŒchtiges Gewicht. Kurzum, die ĂŒbliche, ich fĂŒrchte unvermeidliche, Versammlungsdynamik. Es soll klar sein, dass ich niemanden beschuldige, es ist bloss dass man in bestimmte soziale Mechanismen drauf eingeht, ohne es zu merken. Alle fallen wir hinein, frĂŒher oder spĂ€ter. Es war ein kurzer Schritt, von der Kritik an erfahreneren GefĂ€hrten zu dem Ausprobieren “neuen” Richtungen.
Es bagann mit der Fragestellung den Koordinierungen, Nebenerzeugnissen den Versammlungsdynamiken, um dann zur Fragestellung einiger “Dogmen”. Einer fĂŒr alle, der behauptete, dass die einzigen gĂŒltigen Aktionen seien dessen die “reproduzierbar” (die “kleinen” Aktionen) seien. Eine Formelchen, die jede Aktion, die aufgrund ihrer GewalttĂ€tigkeit ein wenig weiter gehen konnte, als “spektakulĂ€r” und “avantgardistisch” verteufelt wurde. Ich erlaube mir es zu sagen, dass bei eurem Schreiben, die Gefahr besteht dieses “Dogma” wieder herbeizufĂŒhren. Wenn ihr die Unterscheidung macht zwischen den richtigen Zielen, die zu treffen sind, “Basen des Systems” und den veralteten Zielen, “Symbolen des Systems”. Die Worte Ă€ndern sich, aber die Kernaussage bleibt gleich. Wer soll entscheiden, welches die richtigen Ziele sind, die es zu treffen gelten? Diese einfache Frage wĂŒrde ausreichen, um die WidersprĂŒche eines solchen Ansatzes aufzuzeigen. Im Laufe der Zeit wurde das letzte verfalltene “Tabu” der was den Bekenner_innenSchreiben und Akronyme angeht zerbrochen; hier kam es zur Panik, auch wegen den repressiven Folgen, die eine solche Praxis mit sich gebracht hĂ€tte, und die sie es dann tatsĂ€chlich auch mit sich brachte. Einige Jahre lang ignorierte die Mehrheit der italienischsprachigen Aufstandsbewegung diese “neuen” Praktiken. Aber die Zunahme der Wirkung, auch auf die Massenmedien, durch Aktionen objektiver immer mehr gewalttĂ€tig machte jede Haltung von Snobismus und Überlegenheit sichtbar. Dann, mit der Verbreitung der FAI-FRI in der halben Welt, ergab es sich schwachsinnig, auf dieser Haltung zu bleiben. In kritischer oder ĂŒberkritischer Weise, mit den gebĂŒhrenden Unterscheidungen, nahmen alle oder fast alle zur Kenntnis an, dass etwas Neues geboren wurde. Jetzt, fĂŒrchte ich, ist die Zeit der “Wiederverwertung” gekommmen, somit entstehen wieder Koordinierungen, Versammlungen, Manifeste. Ich bin mir sicher um eurer guten Willen, aber ich mache mir Sorgen dass mit diesen Voraussetzungen das was entstehen kann, wird nichts anderes als der “alten” und gloriosen sozialen Aufstandsbewegung nachzuvollziehen (und ich sage das ohne irgend eine Ironie). Meiner Meinung nach, ist die Vorgehensweise die ihr nachgefolgt habt falsch.  Es sollten die anarchistischen Gruppen und die Einzelnen sein, die durch Aktionen darĂŒber sprechen. Nur aus ihren Analysen, die durch Aktionen vermittelt werden, kann die neue anarchistische Perspektive gestĂ€rkt werden. Nur so wird es möglich sein, die notwendige, unbedingte Auslese zu treffen, die vorweg die “Berufsideologen” ausschließt. Da sie nicht in der realen Welt agieren und somit nicht scharfe Werkzeuge vorhanden haben und eine konkrete und realistische Sichtweise, um die RealitĂ€t einzuprĂ€gen. Es ist kein Vorfurf, ich bin mir sicher, dass unter euch keine “Berufsideologen” gibt, es ist einfach eine Frage der Methode. Es ist die Methode, die den Unterschied zwischen den vielfĂ€ltigen Darstellungen der Anarchie ausmacht. In einem solchen Kontext können strategische AnsĂ€tze nicht von oben fallen. Worte, sowohl ausgearbeitet als auch gut geschrieben sein mögen, mĂŒssen durch Taten vermittelt werden. Sonst fehlt es der Analyse zwangslĂ€ufig an Realismus und Pragmatismun. Drauf gesagt ist das nur eine Sichtweise. Die Sichtweise eines gefangenen MitkĂ€mpfer, der einen eingeschrĂ€nkten Blick auf die RealitĂ€t hat. Es ist halt nur ein Beitrag von mir, und ich hoffe sehr, dass  meine Kritik als konstruktiv erweisen wird.

Alfredo Cospito
19. April 2021

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Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass aufgeklĂ€rte Aktionen gegenĂŒber nicht-aufgeklĂ€rte Aktionen, einen Nachteil haben: Sie stellen ein grĂ¶ĂŸeres Risiko unter dem Gesichtspunkt der Repression dar. Andererseits haben nicht-aufgeklĂ€rte Aktionen auch einen Nachteil: Unsichtbarkeit und Zerstreuung. Die Botschaft, die in nicht-aufgeklĂ€rte Aktionen vermitteln werden möchten (aus einer sozialer Sicht), kommt oft nicht an oder wird stark getrĂŒbt oder verzerrt.




Fonte: Roundrobin.info