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IT: La Sibilla prevede tempesta? + EN: Does the Sibilla forecast the storm? + FR: La Sibylle prĂ©voit-elle de la tempĂȘte ?

Sagt die Sibylle* einen Sturm voraus?

Im Morgengrauen des 11. November gab es zahlreiche Durchsuchungen in verschiedenen italienischen StÀdten. Gegen sechs GefÀhrten wurden Untersuchungshaftbefehle vollstreckt: im Knast bei Alfredo Cospito, Michele wurde unter Hausarrest gestellt, und vier weitere GefÀhrten erhielten eine Aufenthaltspflicht und eine 3-malige Meldepflicht pro Woche bei den Bullen.

Die GefĂ€hrten werden des Verbrechens des Art. 270bis (subversive Vereinigung zum Zwecke des Terrorismus und der Untergrabung der demokratischen Ordnung) verdĂ€chtigt, weil sie die anarchistische Zeitung “Vetriolo” verfasst, gestaltet, gedruckt und verbreitet haben sollen, auch mit Hilfe von Computern und Telematik. Desweiteren sind sie verdĂ€chtigt Parolen mit empörendem und aufrĂŒhrerischem Inhalt gesprĂŒht zu haben, d.h. das sie auch der SachbeschĂ€digung bezichtigt werden. GemĂ€ĂŸ dem Artikel 414 (Anstiftung zu Straftaten) sind sie angeklagt, Communiques verfasst und verbreitet zu haben, deren Inhalt zur Begehung von Straftaten gegen den Staat mit dem Ziel des Terrorismus und des Umsturzes der demokratischen Ordnung anstiften soll.

DarĂŒber hinaus werden zwei Gegeninformations-Websites, roundrobin.info und malacoda.noblogs.org unkenntlich gemacht, da sie als erschwerender Umstand fĂŒr das spezifische Verbrechen der Aufwiegelung (durch ein digitales Werkzeug) angesehen werden.

Die Untersuchung beginnt im Jahr 2016 in Mailand, vom Beginn der Efrahrungs des Zeitungsprojekts bis heute, als sie schliesslich an die Staatsanwaltschaft Perugia weitergegeben wurde. Diese ĂŒberprĂŒft den Inhalt der anarchistischen Propagandaartikel, die wegen ihrer kommunikativen Wirksamkeit und der Verbreitung der radikalen Idee als gefĂ€hrlich eingestuft werden.

Es handelt sich nicht um einen Angriff auf die Presse- und Gedankenfreiheit. Der Staat hat die Aufgabe, seinen inneren Feind zu kontrollieren und zu verwalten, um seine AutoritĂ€t zu erhalten, und Veröffentlichungen, die entschlossen eine bestimmte Art von Inhalten behaupten, die seine Interessen untergraben, werden eindeutig angegriffen, wie es in der Geschichte schon immer der Fall war. Im gegenwĂ€rtigen demokratischen und technokratischen Regime, das durch eine autoritĂ€re Wende gekennzeichnet ist, bleibt das “GewĂ€hrte” in den Grenzen der Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen und kapitalistischen Produktions- und Konsumprofite gefangen. Wie sich an den Momenten des aktuellen Dissenses gegen politische und gesundheitliche Zumutungen zeigt, wird die Grenze des Erlaubten von den Institutionen definiert und die Grenze der Protestfreiheit zunehmend eingeschrĂ€nkt.

Wer es auf sich nimmt, eine Zeitung wie “Vetriolo” herauszugeben, die anarchistische und revolutionĂ€re Gefangene unterstĂŒtzt und ihnen eine Stimme gibt, ist sich bewusst, dass die Repressionen mit sensationslĂŒsternen Untersuchungen ihren Lauf nehmen werden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir uns ĂŒber das Fehlen einer demokratischen “Freiheit” der MeinungsĂ€ußerung und der Presse beklagen werden, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat und heute noch weniger.

Die Ermittler behaupten, dass die Wirksamkeit der Botschaft ausschlaggebend fĂŒr die Straftat im Sinne des Artikel 414 sei. Es kommt also nicht nur auf den Inhalt selbst an, sondern auch darauf, wie gut er ankommt, und das umso mehr in Zeiten sozialer Spannungen, d. h. wenn eine bestimmte Art von Inhalt stĂ€rker verbreitet wird.

In der ErzĂ€hlung der Bullen ist eine Verzerrung zu erkennen, nĂ€mlich die, dass Propaganda und Handlung in einem unmittelbaren und direkten VerhĂ€ltnis von Ursache und Wirkung stehen. Dies ist eine triviale Vereinfachung. Die anarchistischen Ideen haben ihren Weg in die Gesellschaft gefunden, in verschiedenen historischen Perioden und auf verschiedene Weise, haben individuelle und kollektive Handlungen belebt. Diese Taten haben die KĂ€mpfe fĂŒr die Befreiung der UnterdrĂŒckten geprĂ€gt, die die Gedanken in einem VerhĂ€ltnis der Gegenseitigkeit und der Vereinigung beleuchtet haben und nicht durch ein statisches VerhĂ€ltnis der KausalitĂ€t, das durch die interpretativen Codes der Rechtsprechung entschlĂŒsselt werden kann.

Wie in einem Drehbuch wird der anarchistische Raum “Circolaccio“ von Spoleto kriminalisiert, der als organisatorischer Sitz der Vereinigung definiert ist. Sicherlich haben die vom Raum geförderten AktivitĂ€ten, selbst in Zeiten des Lockdowns, die vielen Veranstaltungen im Kampf gegen die Snam-Gaspipeline, die Diskussionen gegen den Green-Pass und die Unternehmerpolitik, die Analyse der Krise im Nahen Osten immer den kritischen Geist angeregt und das freie Denken gefördert und werden aus diesem Grund als potenziell gefĂ€hrlich angesehen.

Einer der auffĂ€lligsten Aspekte dieser Untersuchung ist nach der Schließung von RĂ€umen und der versuchten Zerschlagung anarchistischer Zeitungen und Websites die HartnĂ€ckigkeit, mit der der Staat seinen rachsĂŒchtigen Zwang auf Gefangene ausĂŒbt, die ihre anarchistischen und revolutionĂ€ren Ideen am Leben erhalten. Ihre stĂ€ndigen BemĂŒhungen, inhaftierte GefĂ€hrten zu isolieren und die Entsolidarisierung zu fördern, sind ein Beweis dafĂŒr. In dieser Untersuchung wird die Maßnahme der Untersuchungshaft fĂŒr Alfredo Cospito, der bereits seit 2012 im GefĂ€ngnis sitzt, angewandt: eine Strafe in dem Versuch, seine Überzeugungen zu entmutigen, eine Warnung auch fĂŒr alle Gefangenen, die, weit entfernt von der Logik, sich von anarchistischen Ideen und Praktiken zu distanzieren, WĂŒrde, Überzeugung und vitale Entschlossenheit bewahren.

In letzter Zeit wurden weitere hinterhĂ€ltige Versuche gegen Mitgefangene in diesem Sinne unternommen, wie z.B. die AnkĂŒndigung eines neuen 270-bis fĂŒr Anna im Februar 2021 im GefĂ€ngnis von Messina, im Wesentlichen wegen des Verlusts einer Festplatte durch die GefĂ€ngnispolizei wĂ€hrend ihrer ÜberfĂŒhrung in das GefĂ€ngnis.

Es ist klar, dass diejenigen, die ihr Leben fĂŒr den Anarchismus geben und ihre Positionen beibehalten, der Macht einen Schlag ins Gesicht versetzen und dies auch weiterhin tun. Die Unnachgiebigkeit vom GefĂ€hrten Alfredo wird angegriffen, um ihn zum Schweigen zu bringen, indem er wegen eines Beitrags zu einer Anti-GefĂ€ngnis-Initiative, die im MĂ€rz 2020 in Bure (Frankreich) stattfand, eines Beitrags zu einer Anti-Knast-Kundgebung im Juni 2019 in Bologna und wegen des Buch-Interviews “Welche Internationale?” wegen des Verstoßes gegen den Artikel 414 angezeigt wird.

Wir bekrÀftigen erneut unsere SolidaritÀt und Verbundenheit mit unserem GefÀhrten Alfredo.

Wir bekunden unsere Verbundenheit mit allen, gegen die ermittelt wird.

Die Macht mag diejenigen, die sich der AutoritĂ€t widersetzen, unterdrĂŒcken und inhaftieren, aber der DĂ€mon der Revolte wird weiterhin ihre TrĂ€ume vom sozialen Frieden quĂ€len.

Der soziale Krieg zwischen dem Staat, dem Kapitalismus und ihren Feinden ist im Gange


DER KAMPF GEHT WEITER!

Einige VerdÀchtige und solidarische GefÀhrten und GefÀhrtinnen

*anm.d.Ü.: Die „Sibylle“ ist dem Mythos nach eine Prophetin, die im Gegensatz zu anderen göttlich inspirierten Sehern ursprĂŒnglich unaufgefordert die Zukunft weissagt. Die Bullen haben der Bedeutung nach die Operation „Sibilla“ benannt.




Fonte: Malacoda.noblogs.org